Wohnkabinen für Pick-ups: Leben auf der Ladefläche

Wohnwagen oder Wohnmobil – vor dieser schwierigen Entscheidung stehen viele Camper. Das Beste aus beiden Möglichkeiten bieten Pick-ups mit Wohnkabinen. Kein Wunder, dass das Angebot an solchen Huckepack-Häuschen wächst.

Mit dem Wohnmobil nach Korsika fahren, Bett, Küche und Bad auf dem Campingplatz abstellen und trotzdem noch ein Auto zur Verfügung zu haben, mit dem man die engen Bergstraßen erklimmen kann – das geht. Pick-ups mit Wohnkabinen auf der Ladefläche verbinden die Vorteile von Wohnmobilen und Wohnwagen und eliminieren ihre Nachteile: Sie bieten Kompaktheit und Komfort eines Wohnmobils und zugleich die Flexibilität eines Wohnwagengespanns. Ein Vorteil den immer mehr Camper für sich entdecken. Die Folge: Die Pick-up-Reisemobile werden immer beliebter.

40.500 neue Reisemobile wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft – ein Rekordwert. Pick-ups mit Wohnkabinen auf der Ladefläche sind in diesem Markt noch ein Nischensegment, doch auch die Beliebtheit von Wohnaufsätzen wächst. „Die Nachfrage ist historisch gut“, sagt Peter Tischer, Inhaber des 1973 gegründeten Herstellers Tischer Freizeitfahrzeuge aus dem bayerischen Kreuzwertheim.

Die Vorteile liegen auf der Hand – oder besser gesagt: auf der Pritsche. Denn viele der Huckepack-Wohnungen sind nicht fest am Fahrzeug fixiert. Am Zielort angekommen lassen sich diese Varianten dann auf Stelzen absetzen. Auf ihren Beinen werden sie dann so lange in die Höhe gefahren, bis der Pick-up darunter herausfahren kann. Er steht dann am Urlaubsort als Auto zur Verfügung.

Einfach mal abladen

Allerdings müssen je nach Größe und Gewicht der Kabine Anpassungen am Fahrwerk vorgenommen werden, etwa durch den Einbau einer Luftfederung. Dann kann man den Pick-up selbst mit Penthouse auf der Pritsche noch als solchen benutzen und durch unwägbares Gelände wie Schotterpisten oder Flussläufe fahren.

Üblicherweise sind die Huckepack-Wohnkabinen durch einen separaten Eingang (seitlich oder am Heck) zugänglich. Dahinter findet sich dann alles, was fürs Roadtrip-Leben gebraucht wird: Eine Küchenzeile mit Gasherd, Kühlschrank und Staufächern für Lebensmittel; ein Mini-Bad mit integrierter Dusche, Warm- und Abwasser-Tank; eine Sitzgruppe für vier Personen, die mit wenigen Handgriffen zur Liegefläche umgebaut werden kann; und im Alkoven – der kleinen Koje über dem Fahrerhaus des Pick-ups – ein Doppelbett. Einige Modelle verfügen sogar über einen kleinen Durchgang zur Fahrerkabine oder über ein ausklappbares Dach, das für eine bequeme Stehhöhe im Wohnabteil sorgt. Fahrräderträger lassen sich anbauen, Surfbretter oder Kajaks können auf dem Dach transportiert werden. Auch eine Markise oder Dachbox kann angebaut werden.

Früher bestimmten wenige Hersteller wie Tischer oder Bimobil (gegründet 1977 in Oberpframmern, Bayern) den hiesigen Wohnaufsatz-Markt. Inzwischen ist das Angebot allerdings deutlich größer. Nicht zuletzt die Entscheidungen von VW und Mercedes, mit dem Amarok (seit 2010) und der X-Klasse (seit 2017) eigene Pick-up-Modelle anzubieten, eröffnete eine neue Käuferklasse. „Die Pick-ups haben sich vom Lkw zum Lifestyle-Fahrzeug entwickelt“, sagt Arno Klenkhart, Geschäftsführer von Wohnkabinen-Hersteller Geocar aus Traiskirchen in Österreich. „Das kommt uns natürlich sehr zugute.“ Die Zahlen belegen das. Wurden vor rund zehn Jahren noch weit weniger als 10.000 Pick-up-Neuzulassungen pro Jahr in Deutschland verzeichnet, dürfte sich diese Zahl bis 2020 nahezu verdoppeln.

Ähnliche Optik, unterschiedliche Konstruktion

Auch Geocar gehört zu den etablierten Kräften in der Branche, die etwa ein knappes Dutzend Wohnkabinen-Hersteller im deutschsprachigen Raum umfasst. „Ich sehe uns nicht als Konkurrenten“, sagt Klenkhart, „wir haben einfach alle die gleiche Leidenschaft.“ Harter Wettbewerb kann bei der aktuell hohen Nachfrage ohnehin kaum entstehen. Bei den meisten Herstellern müssen die Kunden derzeit mit Lieferzeiten zwischen vier und zwölf Monaten rechnen – je nach Extrawünschen. Lediglich das Wohnkabinencenter in Gevelsberg, ein Mehrmarken-Wohnkabinen-Vertrieb und Anbieter von Marken wie Nordstar und Fourwheelcampers, hat die Huckepack-Häuschen auf Lager.

Äußerlich ähneln sich die Produkte der Hersteller, allein schon wegen der Ähnlichkeiten der Fahrzeuge, für die sie konzipiert sind. In der Produktion aber werden verschiedene Wege eingeschlagen. So wird bei Bimobil die komplette Ladefläche demontiert und die Kabine auf einen extra angefertigten Zwischenrahmen aufgesetzt. „Dadurch bieten unsere Wohnkabinen mehr Stauraum, mehr Komfort und ein besseres Fahrverhalten durch den niedrigeren Schwerpunkt „, preist Geschäftsführer Stefan Christner seine Produkte. Wird die Wohnkabine am Urlaubsort abgesetzt (der Ab- oder Aufbau dauert bei den meisten Modellen rund 20 Minuten), kann die an den neuen Zwischenrahmen angepasste Ladefläche wieder als Pritsche genutzt werden.

Fast alle anderen Hersteller setzen die Kabine auf die vorhandene Ladefläche auf. Und wie bei Bimobil kann auch bei fast allen Herstellern zwischen absetzbarer und fest fixierter Kabine gewählt werden. Zwar ist man mit letzterer nicht so flexibel wie mit den abnehmbaren Varianten, doch auch sie bieten Vorteile, wie Ulrich Gehrke-Hoog vom 2013 gegründeten Hersteller Gehocab aus dem niedersächsischen Evessen berichtet. „Die Fahreigenschaften sind bei fixierten Kabinen im Gelände deutlich besser“, sagt er.

Einfach unverwüstlich

Tatsächlich findet sich die Kombination aus Huckepack-Kabine und 4×4 Pick-up relativ häufig – viele diese Kunden fahren wohl auch gern abseits befestigter Pisten. Die Firma des Ex-VW-Managers Gehrke-Hoog bietet beispielsweise ausschließlich Aufbauten für den VW Amarok an.

Schnäppchen sind viele der angebotenen Kabinen aber nicht. Durch den Einsatz von Karbon spart beispielsweise Gehrke-Hoog nach eigenen Angaben rund 300 Kilogramm Gewicht ein. Damit bewegt sich Gehocab aber auch an der oberen Preisgrenze, mindestens 134.000 Euro kostet so ein Wohnaufsatz.

Gebrauchte Wohnaufbauten hingegen sind ab circa 5000 Euro erhältlich. Die Neupreise schwanken – je nach Bauart, Modell und Ausstattung – zwischen 16.000 und 80.000 Euro – ohne Fahrzeug. Wer maximale Flexibilität wünscht, lässt sich das was kosten. „Außerdem sind die Kabinen sehr langlebig“, ergänzt Jens Heidrich vom Wohnkabinencenter. „Die Kabine kann von Pick-up zu Pick-up mit umziehen. Ich kenne Kunden, die ihre vor 15 Jahren gekaufte Wohnkabine noch immer nutzen – inzwischen auf dem dritten Pick-up.“