Rekordzahlen: Städte-Camping boomt in Greifswald

Der Juni 2019 war der bisher beste Monat für den Campingplatz an der Dänischen Wiek. 3750 Übernachtungen zählten die Betreiber Carsten Becker und Anne Breitsprecher. Und der Camping-Trend hält an.

Greifswald.Morgens um 9 Uhr herrscht bereits reger Betrieb auf dem Campingplatz an der Dänischen Wiek. Eine junge Frau wäscht klappernd das Geschirr des Vortages ab, eine ganze Gruppe Kinder in Bademänteln stürmt lärmend aus den Duschen. Auch Carsten Beckers Arbeitstag hat längst begonnen, der Betreiber des Campingplatzes fährt in seinem E-Cart über das Gelände und verteilt Signalhütchen auf gerade freigewordenen Stellplätzen. „Es ist rappelvoll“, sagt der 53-Jährige mit einem strahlenden Lächeln und zeigt auf die zahlreichen Wohnmobile und Zelte auf dem Gelände. „Dieses Jahr wird sogar noch besser als 2018.“ Die Zahlen vom Juni 2019 sind rekordverdächtig. „2018 haben wir im Juni 1801 Übernachtungen bei uns auf dem Platz gezählt, dieses Jahr waren es 3750“, sagt Anne Breitsprecher. „Und der Juli wird genauso gut.“

Greifswald hatte 2018 ein Top-Tourismusjahr

Für die touristische Entwicklung der Stadt Greifswald ist der Campingplatz ein Glücksfall. 2018 gehörte die Hansestadt mit 289.500 Übernachtungen zu den Überfliegern im Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern. Großen Anteil am Plus von knapp 12 Prozent hat auch der Campingplatz, der im vergangenen Jahr nach einem Jahr Zwangspause (Infokasten) wieder eröffnet hat. Auch die Infrastruktur der Hansestadt profitiert nicht unwesentlich von den Campern. „Natürlich schicken wir die Leute zum Essen nach Wieck – was sollen wir hier bei uns eine Gastronomie führen, wenn es dort und im Stadtzentrum ein riesiges und gutes Angebot gibt“, erzählt Becker. Auch Dorf-Bäcker, Einkaufsmarkt und Frisör um die Ecke gehören nach seinen Angaben zu den festen Anlaufpunkten der Zelt- und Campinggäste.

VW Bulli aus dem Jahr 1966

Das derzeit wohl schönste Gefährt auf dem Campingplatz gehört Damian Ratajc aus Slowenien. Ein brauner Bulli aus dem Jahr 1966 mit blitzblank polierten Chromteilen, rot-weiß-karierten Gardinen und ganz offensichtlich einem Wundermotor. „Ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie viel hunderttausend Kilometer der Bus bereits gefahren ist. Die Kilometerstandsanzeige hat denke ich bereits ,genullt’“, sagt Damian Rarajc. „Im vergangenen Jahr waren wir in Spanien und haben bestimmt auch einige zehntausend Kilometer zurückgelegt, ohne Probleme.“ Derzeit ist er mit Töchterchen Manca (8) unterwegs. „Einen Monat Roadtrip durch Europa“ , erzählt der 38-Jährige. „Nach Greifswald sind wir eher zufällig gekommen, weil ich schöne Zeltplätze an der Ostsee gesucht habe.“

Fast eine halbe Million Campingmobile in Deutschland

Das alte Vehikel ist nur eines der außergewöhnlichen Modelle, die Carsten Becker schon bei sich zu Gast gehabt hat. „Auch Campingmobile sind eine ganz individuelle Angelegenheit. Alte Feuerwehrautos oder umgebaute Reisebusse zum Beispiel sehen wir immer mal wieder“, erzählt er. „Ein absoluter Hingucker war auch ein Campingwagen, der sich mithilfe von ausklappbaren Außenwänden noch vergrößern konnte. Rund 500 000 Euro kostet so ein Teil – total irre.“ Ob so ein Luxus-Cruiser oder ein Ei-Anhänger – Camping gilt als einer der Mega-Trends im Tourismus. Allein zwischen 2013 und 2018 stieg die Zahl der zugelassenen Reisemobile in Deutschland laut des Statistikanbieters Statista um mehr als 130 000 auf 486 693 Exemplare.

Individualisierung und Mobilitätswunsch beflügeln Campingtrend

Doch der verbesserte Komfort der Mobile – WC, Dusche und Küche gehören bei neuen Modellen zum Standard – sei nach Ansicht Beckers nur ein Grund, weshalb das Camping in den vergangenen Jahren so beliebt geworden ist. „Ich vermute ja, das hat auch mit einer Art Rückbesinnung zu tun“, sagt der Campingplatzbetreiber. „Viele Menschen sind früher mit ihren Eltern zum Camping an die Ostsee gefahren. Das war ja zu DDR-Zeiten gesetzt.“ Nach der Wende kam dann die „Generation Mallorca“, wie Becker sagt, Fern- und Flugerisen waren angesagt. Jetzt hätten die Kinder von einst selbst Nachwuchs und würden sich an die schönen Ferienerlebnisse von früher erinnern. Auch die terroristischen Anschläge der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel in Istanbul, würden bestimmt bei der Reiseentscheidung eine Rolle spielen.

Greifswaldbesuch statt Strand

Einen weiteren Grund sieht das Paar im veränderten Reiseverhalten. Viele Gäste reisen spontan an. „Die Gesellschaft ist unglaublich mobil geworden“, stellt Anne Breitsprecher fest. „Wenn es den Gästen in Berlin zu heiß wird, packen sie ihre sieben Sachen in den Camper und fahren mal eben fürs Wochenende los.“ Badeurlaub sei aber nicht die Hauptmotivation der Gäste, hat Becker festgestellt. „Die Leute kommen, um sich Greifswald anzusehen“, sagt er. „Das ist ein Trend: Campingtourismus in Städten.“ Betrachtet man die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste, stellt man fest, dass es dabei mit einem schnellen Kurztrip nicht getan ist. Rund fünf Tage bleiben die Camper und Zelter im Landesdurchschnitt, in Eldena sieht es nicht anders aus. „Rund 70 Prozent der Gäste verlängern ihren Aufenthalt sogar, einige bleiben drei Wochen und länger“, erzählt Becker. „Ich frage dann schon manchmal, ob es denn noch einen Fleck in Greifswald gibt, den sie nicht kennen. Aber Backsteingotik, Museumshafen und das Flair werden offensichtlich nicht langweilig.“