Lasst die Städter wild im Umland campen!

Fast 80 Prozent der Menschen in Deutschland leben in Städten. Damit sie in der Pandemie Luft schnappen können, brauchen wir jetzt ein Jedermannsrecht wie in Skandinavien.

Ein Kommentar von Nils Erich

Frühsommer, irgendwo im Hochland Norwegens zwischen Oslo und Bergen: Im See spiegeln sich die Lichter der verstreuten Häuser auf der anderen Uferseite. Ein Blaukehlchen flötet vor sich hin. Auf sattgrünem Gras leuchtet ein einsames Zelt gelb in die Dämmerung.

Zur gleichen Zeit in Berlin-Kreuzberg, ein ganz normaler Abend: Joggerinnen, Fahrradfahrer, Familien, eine Frau mit Rollator, ein Musiker drängen sich auf dem schmalen Uferweg des Landwehrkanals, um die letzten Sonnenstrahlen abzubekommen. Halbherzig versuchen sie, den Mindestabstand einzuhalten. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist. Irgendwann kommt die Polizei und fordert alle auf, das Ufer zu verlassen.

Dieser freilich verdichtete Gegenschnitt weist auf ein reales Problem: Über 77 Prozent der Menschen in Deutschland wohnen der Weltbank zufolge in Städten. Und diese Städte bieten nicht genug Platz für alle. Wenn die reisefreudigen Deutschen diesen Sommer, wie es sich abzeichnet, im Land bleiben, wird hier noch weniger freies Gelände übrig, die doppelte Armlänge ein ferner Traum sein. Dabei wartet vor der Stadt die Natur: Wald und Landwirtschaft machen über 80 Prozent der Bodennutzung in Deutschland aus.

Die Städter müssen nur raus ins Umland. Nicht zu den ewig gleichen und bald wieder überlaufenen Zielen wie Basteibrücke, Drachenfels oder dem Travemünder Ostseestrand, sondern in den namen- und ansteckungsgefahrlosen Wald, ins Weserbergland, die Elfringhauser Schweiz oder den Fläming.

Daher ist es notwendig, das Wildcampen auf dem Land zu erlauben. Als Vorbild könnte das skandinavische Jedermannsrecht dienen: Das allemansrätt, wie es in Schweden heißt, erlaubt nicht nur freien Zugang zur Natur – das gibt es als „Betretungsrecht“ auch in Deutschland. Es erlaubt auch das Zelten in der Wildnis und setzt lediglich Einschränkungen wie eine Mindestdistanz des Schlafplatzes zu Häusern fest. Hierzulande braucht es grundsätzlich, um sein Zelt aufzuschlagen, das Einverständnis des Bodeneigentümers. Und wer schon mal versucht hat, den Besitzer einer kleinen Wiese hinter der Pferdekoppel bei Gräfen-Nitzendorf zu ermitteln, der weiß, dass das praktisch kaum möglich ist.

Dass wir in Deutschland bis jetzt kein Jedermannsrecht haben, hat historische Gründe. In den Weiten der nordischen Länder wurden Land und Boden weniger häufig und stark vom Nachbarn abgegrenzt als im dichter besiedelten deutschsprachigen Raum. Mehr noch: In der Grundherrschaft verfügten hierzulande Landbesitzer – meist Adel oder Klerus – bis in das 19. Jahrhundert über starke Rechte gegenüber ihren Untertanen. Im Gegensatz dazu betont das Jedermannsrecht die Rechte der Allgemeinheit gegenüber Grundbesitzern.

Es geht um Corona, aber auch um die Natur

Doch dass Deutschland keine solche Rechtstradition besitzt, sollte uns nicht davon abhalten, das aktuell geltende Recht zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern: Ein deutsches Jedermannsrecht müsste ja nicht gleich Anachronismen wie das Sammeln von Nahrung für den Eigenbedarf umfassen. Es ist aber im kommenden Sommer fast notwendig, um neben der Eindämmung von Ansteckungen auch den sozialen Frieden zu gewährleisten.

Die Corona-Krise ist demnach ein guter Anlass, schnell neue Regeln einzuführen. Diese betreffen aber auch einen Notstand, der über Corona hinausweist: Viele, nicht nur Städter, sind von der Natur entfremdet. Der Verlust an Artenvielfalt oder die Klimaerwärmung treffen immer wieder auf Lethargie. Klar: Viele Millennials haben noch nie in ihrem Leben einen Maikäferschwarm gesehen, und nichts ist der Wildnis ferner als die auf Hochglanz polierten Innenstädte.

Auch wenn für radikale Naturschützer die Abwesenheit von Menschen natürlich traumhaft ist: Die Städter aus den Wäldern und Fluren herauszuhalten, wird der Natur auf Dauer noch weniger helfen, als sie in Scharen hereinzulassen. Letztlich verkennt die Abwehr eines solchen Begehrens auch, dass es nicht Zeltende waren, die das Umland in eine prekäre Lage gebracht haben: Insektensterben, verunreinigte Flüsse, saurer Regen, nitratbelastete Böden sind systemische Auswirkungen der Wirtschaftsweise von Industrie und Landwirtschaft.

Menschen brauchen mehr Wissen über ihre Umwelt. Vor allem aber eigenes Interesse – und das entdecken sie da draußen am besten. Natürlich geht das nicht ohne Respekt und Achtung für die Natur. Naturtourismus sollte – so, wie es in anderen Ländern schon selbstverständlich ist – leise und rücksichtsvoll sein. „Hinterlasse nichts als Fußspuren, nimm nichts mit außer Fotos“, heißt es schon jetzt in vielen Nationalparks der Welt. Wie wär’s, ganz deutsch, mit einem Wildcampingzertifikat, damit ja niemand den Wald abfackelt oder die Weizenfelder zertrampelt?

Gerade jetzt, da unsere Gesellschaft eine Zäsur erlebt, ist Träumen und kreatives Denken erlaubt. Eine Welt, in der die Natur den Menschen offensteht und die Menschen die Natur gut behandeln, ist möglich. Es könnte mit einem kleinen Zeltausflug zum See anfangen. Gerade jetzt. Denn da draußen wartet kein Virus, sondern höchstens Heuschnupfen.