Fahrradanhänger B Turtle: Der Wohnwagen fürs E-Bike

E-Motoren eröffnen Radfahrern beim Camping völlig neue Möglichkeiten. Ein Wiener Start-up hat einen Anhänger entwickelt, der zum Luxuszelt mutiert. Nebenbei ersetzt er die Dating-App, wie unsere Autorin feststellte.

„Was ist das? Ein Partyzelt?“ Wer einen Miniwohnwagen hinter seinem Rad herzieht, wird mit Fragen überschüttet. Im Hamburger Alten Elbtunnel, am Deich, auf dem Campingplatz – überall sind die Leute neugierig. Schnell kommt man ins Gespräch über technische Details, Fahrkomfort und Anzahl der Schlafplätze. Und, liebe Singles: Tinder war gestern. Wer ein auffälliges Rad fährt, kann seine Dating-App vom Smartphone wischen.

Der B Turtle ist ein Micro-Caravan und bietet tatsächlich Platz für zwei. Der zweispurige Anhänger besteht aus Aluminium. Er hat eine 120 Liter fassende Metallwanne und kann zum Transport von Lasten bis 100 Kilogramm verwendet werden. Auf dem Campingplatz wird er zum Luxuszelt entfaltet. Die erhöhte Liegefläche misst 130 x 210 Zentimeter. Der Vorraum mit Stehhöhe ist komfortabel. 29 Kilogramm wiegt das Gesamtpaket und wird mit einer Weberkupplung an der Hinterachse des E-Bikes befestigt.

Entwickelt hat den Anhänger das Start-up Gentle Tent aus Wien. Der Fokus des Unternehmens liegt auf aufblasbaren Zeltsystemen, Möbeln und Zubehör für Camper. Der B Turtle ist das erste Produkt, das die Firma für Radreisende entwickelt hat. Es macht aus dem Campinggepäckstück Fahrrad, das huckepack am Wohnmobil befestigt wird, den Lastesel selbst. Der Gedanke ist so naheliegend – warum nur gibt es kaum vergleichbare Produkte? Midget Bushtrekka und Wide Path Camper heißen zwei der wenigen Alternativprodukte.

Man kann den B Turtle für knapp 3000 Euro kaufen oder mieten, zum Beispiel für 90 Euro für zwei Nächte. Bisher gibt es sieben Verleihstellen in Deutschland, die über das Bundesgebiet verteilt sind. Eine liegt bei Hamburg. Von hier aus geht es für eine Testfahrt die Elbe entlang in Richtung Norden. Der Wetterbericht verspricht beste Aussichten für einen Extremtest: Dauerregen, Wind und einstellige Temperaturen in der Nacht. Nichts für Schönwetter-Camper.

Reichweitenangst kommt auf

Die ersten Kilometer sind gewöhnungsbedürftig: Der Großstadtmüll verfängt sich in der Achse, beim Bremsen schiebt das zusätzliche Gewicht nach und die schmalen Radwege in St. Pauli sind eine Herausforderung, obwohl der Anhänger nur 79 Zentimeter breit ist. Auf der Straße geht es entspannter voran. Autofahrer scheinen das Gespann als ernstzunehmendes Verkehrsmittel einzuordnen und überholen mit Abstand.

Am Elbe-Radweg beginnt der idyllische Teil der Strecke. Auf der niedrigsten Unterstützungsstufe surrt das E-Rad gemütlich stromabwärts. Das geringe Tempo wird zur Überlebensstrategie: Das zusätzliche Gewicht lutscht den Akku schneller leer als gewohnt. Ob der Campingplatz in noch 50 Kilometer Entfernung eine Möglichkeit zum Laden bietet, ist nicht sicher.

Ab und zu wird’s eng

Die Laufräder schlucken Baumwurzeln und kleine Schlaglöcher gut weg. Eine Herausforderung sind die Schafsgatter entlang der Strecke. Manche lassen sich nur halb öffnen. Der Winkel, in dem man sie vom Rad aus einhändig erreicht und durchfahren kann, bevor sie wieder zuschnappen, ist spitz. Mit etwas Übung gelingt das Manöver immer besser.

Es geht durch kleine Dörfer, in denen die Frisöre noch „Schnipp Schnapp“ und die Miettoiletten „Lo Kuss“ heißen. Die Anwohner schauen aus riesigen Wintergärten auf Obstbäume. Rebhühner springen aus den Büschen am Wegesrand. Wahlplakate der AfD wechseln sich mit Werbung für die nächste Bierzeltparty ab. In Elmshorn gibt es an der Tankstelle zu jeder Wäsche einen Lufterfrischer gratis dazu.

Staunen auf dem Campingplatz

Auf dem Campingplatz in Kollmar begutachtet der Platzwart, ein älterer Herr in Freizeitkleidung, im Dauerregen den Anhänger. Er habe ja schon viel gesehen, aber so etwas noch nicht. Neulich sei aber jemand mit einer selbstgebauten Konstruktion hier gewesen, ein Tscheche, der mit dem Rad durch Europa fuhr. „Der Anhänger sah eher wie ein Sarg aus, den man links und rechts aufklappen konnte“, sagt er. Und verschwindet mit E-Bike-Akku und Ladegerät im trockenen Empfangshäuschen. Der Rückweg ist schon mal gesichert.