Fahrbericht Mercedes Marco Polo: Camping auf Knopfdruck

Im Marco Polo ist das Leben auf dem Campingplatz einfach und bequem. Denn in dem Edelcamper funktioniert fast alles auf Knopfdruck. Auf eines muss die Camping-High-Society allerdings verzichten.

Ssssssss – der Campingurlaub beginnt mit einem Surren. Auf dem Platz angekommen fährt auf Knopfdruck das elektrische Hubdach des Mercedes Marco Polo nach oben. Mit einem weiteren Knopfdruck und ohne, dass man sich bisher vom Fahrersitz erheben musste, entriegelt mit einem leisen „Klack“ die Schiebetür und öffnet selbstständig. Für umstehende Camper muss das wie eine dieser Filmszenen wirken, in der ein Ufo landet, sich die Gangway hinabsenkt, weißer Rauch austritt und für Sekunden erst einmal nichts passiert, bis – erst als Silhouette dann vollständig sichtbar – ein Alien aussteigt.

Gut, dass sich nicht auch noch die Campingmöbel auf Knopfdruck aufstellen – sonst würde der Marco-Polo-Fahrer auf dem durchschnittlichen Campingplatz schnell zum Sonderling.

Der Marco Polo fährt auf Basis von Mercedes‘ kleinem Bus, der aktualisierten V-Klasse, die mit dem VW-Bus um die steigende Zahl von Käufern kompakter Camper buhlt. Die V-Klasse hat neben einem aufgefrischten Frontdesign und zahlreichen neuen Assistenzsystemen auch einen neuen Zweiliter-Dieselmotor bekommen, der in der Basisversion 163 PS und für eilige Camper in der Topmotorisierung V300 d dann 239 PS leistet. Ob man unbedingt mit über 200 km/h in die Toskana oder die Bretagne brettern muss, sei mal dahingestellt.

Die ausgefeilte Technik des Premiumherstellers macht sich beim Fahrgefühl positiv bemerkbar. Die direkte und leichtgängige Lenkung und das komfortabel federnde Fahrwerk sorgen schon auf der Fahrt zum Urlaubsziel für ein wenig Entspannung. Ein Komfort, den man besonders auf der Langstrecke schnell zu schätzen weiß. Zudem lässt sich das 5,14 Meter lange Auto selbst in der Stadt noch leicht wie ein Pkw manövrieren.

Aber wie sieht es auf dem Campingplatz aus? Der Marco Polo von Mercedes – seit jeher der edlere Bruder des VW Bulli – versucht Eleganz und Funktionalität miteinander zu verbinden. Ein Spagat, der in der Neuauflage nicht in allen Punkten gelingt.

Im Innenraum des Marco Polo dominieren Hochglanzoberflächen, runde Formen und ein Boden in Jacht-Optik – alles sehr edel. Ein Schein, der nicht trügt, denn auch bei genauerem Hinsehen und Anfassen sind Küchenzeile und die Schränke sehr gut verarbeitet. Kein Klappern, kein Quietschen, kein Spalt größer als er sein muss. Verglichen mit anderen Campern liegt der Marco Polo, dessen Ausbau die Firma Westfalia übernimmt, weit vorne.

Viel Stauraum, gute Verarbeitung

In der Praxis ist der Hochglanz allerdings hinderlich. Fingerabrücke, Staub und kleine Kratzer sind auf den Oberflächen sofort zu sehen und auf die Idee, eine Bratpfanne im Innenraum zu nutzen kommt man erst gar nicht. Im Spülbecken, das die Form eines Parabolspiegels hat, kann man nicht mehr als ein paar Tassen und Besteck abwaschen oder gelegentlich Gemüse abspülen.

Stauraum für Proviant gibt es in der Küche aber ausreichend, und der aufstellbare Tisch lässt sich in der Schiene mit einem Finger problemlos hin- und herschieben, ohne zu verhaken. Dreht man aber Fahrer- und Beifahrersitz, um die Vierersitzgruppe zu komplettieren, lässt sich der Esstisch nicht weit genug an die Vordersitze heranschieben.

Abends kann man die Sitzbank im Heck per Knopfdruck zu einer Liegefläche von 2,03 mal 1,13 Metern umlegen. Allerdings geht das Design der Polster zu Lasten des Schlafkomforts. Denn die Oberfläche ist so zerklüftet, dass man die optionale Auflage ordern sollte, die das Bett ein wenig ebnet. Ebenfalls per Knopfdruck lässt sich hinten auf der Beifahrerseite das Ausstellfenster ausfahren. Eine gute Lösung, um in warmen Nächten für einen angenehmen Luftzug zu sorgen.

Oben fehlt der Durchblick

Im oberen, 2,05 mal 1,13 Meter großen Bett schläft man auf einer tellergefederten Matratze sehr bequem. Während die Schlafdächer anderer Hersteller aber meist drei Fenster oder ein rundum zu öffnendes Dach haben, bleibt der Marco Polo beim Altbewährten und hat lediglich zu den Seiten zwei Sichtfenster, die man allerdings nicht öffnen kann. Zudem sind sie nicht komplett durchsichtig, der Blick nach draußen ähnelt dadurch eher dem durch ein Moskitonetz. Nach vorne gibt es sogar gar kein Fenster. Meerblick? Fehlanzeige.

Vergeblich sucht man den Knopf, um das Bett unter dem Aufstelldach tagsüber hochfahren zu lassen und dadurch genug Stehhöhe im Innenraum zu haben. Stattdessen muss man das Bett manuell hochhieven und – weil nicht einmal von den sonst üblichen Gasdruckfedern unterstützt – mittels Ösen unterm Dach fixieren. Eine Aufgabe, die für Menschen, die kleiner als 1,70 Meter sind, zu einer wahren Herausforderung werden. Warum ausgerechnet hier an Technik gespart wurde, wo alles andere doch elektrisch funktioniert, erschließt sich nicht.

Eine neue Lösung wäre auch bei der Unterbringung der Campingmöbel wünschenswert gewesen. Diese sind in einer Tasche unter dem Polster im Heck des Fahrzeugs verstaut. Dadurch fällt der sonst verfügbare Platz für Reisetaschen weg. Hersteller wie VW, die die Stühle in der Heckklappe und den Tisch in der Schiebetür verstaut haben, lösen das besser.

Der Marco Polo überzeugt aber auch durch praktische Qualitäten. So kann man den Camper relativ schnell zu einem geräumigen Transporter umbauen. Denn die hintere Sitzbank lässt sich bis ganz nach vorne schieben. Das Polsterelement im Heck, das gemeinsam mit der Bank das untere Bett bildet, lässt sich schnell und einfach komplett ausbauen, sodass viel Platz für Fahrräder oder sperriges Gepäck entsteht.

Auch sonst hat der kompakte Camper viel Schrankplatz. Neben der Schrankzeile hinten links gibt es noch ein weiteres Staufach über dem Bett im Heck und eine große Schublade unter der Rücksitzbank. Platz genug für eine längere Tour mit viel Gepäck.

Praxistauglich aber kostspielig

Wer sich den gewissen Camping-Luxus leisten will, muss dafür tief in die Tasche greifen. Der Marco Polo mit Küchenzeile und Campingausstattung kostet in der Basisversion bereits mindestens 61.990 Euro. Der Testwagen mit Sonderausstattung liegt bei 84.600 Euro.

Und was bleibt vom Trip mit dem Edelcamper? Zuerst die Frage, ob man die zahlreichen technischen Raffinessen des Marco Polo wirklich braucht. Will man nur mal kurz etwas in den Camper werfen oder regnet es in Strömen, kann es schon mal nerven, der Tür in Zeitlupe beim Öffnen zuzusehen.

Unterm Strich ist der Marco Polo ein praxistauglicher Camper, der auf dem Campingplatz weitestgehend überzeugt. Die gute Verarbeitung und Qualität im Innenraum sowie der Fahrkomfort sucht in dieser Klasse seinesgleichen. Zwar zieht der Marco Polo zumindest in diesen Kategorien am ewigen Konkurrenten von VW vorbei. In der praktischen Anwendung punktet dann wieder VW mit zahlreichen Camping-Detaillösungen. Und am Ende entscheidet die Frage: Glamping, oder Camping?