Camping in Deutschland: Raus hier


 
 
 

Wieso wollen plötzlich alle campen? Und ist Camping die Lösung für all unsere Probleme? Über eine Urlaubsform, die sich verändert und dabei ist, einen ziemlich guten neuen Stil zu entwickeln.

Wunsch prallt auf Wirklichkeit

Der Traum: Ein blauer VW-Bus steht mit geöffnetem Dachzelt in einem Kiefernwald, der Sandboden fällt ab zum Wasser, wo ein paar Flaschen kühlen; auf einem Gaskocher steigt der Dampf aus dem Nudeltopf in die Dämmerung.

Die Realität: Ein blauer VW-Bus fährt am Campingplatz Üdersee in Brandenburg vor. Es ist ein Mittwoch, und es sind keine Ferien, daher sind die vordersten Plätze am See alle frei. „Ist noch ein Platz für eine Nacht frei?“, fragen die beiden Ankömmlinge. „Das klären wir nach der Mittagspause“, sagt, aus nicht nachvollziehbaren Gründen, ein unfreundlicher Mann in der Empfangshütte. „Sie können ja am See warten.“ Nach einer Stunde kommen sie zurück, und er will sie im hintersten Winkel des Campingplatzes unterbringen. „Warum nicht vorne am See? Ist doch alles frei.“ „Es könnte ja noch jemand kommen, der länger bleibt.“ „Da müssten aber viele kommen.“ So geht das eine Weile hin und her, und am Ende will der Betreiber ernsthaft „8,50 Euro Eintritt“ für den Aufenthalt am See verlangen.

So ist das leider, mit Wunsch und Wirklichkeit, und die deutsche Campingrealität prallt besonders hart auf diese Campingsehnsuchtstraumbilder, die „Zurück zur Natur“ so laut herausschreien, dass es Rousseau noch in seinem Grab hören müsste. Es sind Bilder, die auf gestresste Großstädter wirken wie ein Glas Wasser nach einem langen Wüstenmarsch. Und je mehr Menschen ein urbanes und digitales Leben führen – und das ist in Deutschland fast jeder Dritte, und es werden immer mehr –, desto stärker wird die Sehnsucht nach Natur, nach einem Wochenende im Freien, ein paar Nächten im Bus oder Zelt. Begriffe wie „Wanderboom“, „Micro-Adventure“, „Landlust“, „Achtsamkeit“, „Entschleunigung“, „Waldbaden“, „Nachhaltigkeit“ und „Fridays for Future“ stehen dafür. Die Zahlen des Bundesverbandes der Campingwirtschaft (BVCD) belegen es außerdem: 34,5 Millionen Übernachtungen verzeichneten deutsche Campingplätze im vergangenen Jahr, es war das fünfte Rekordjahr in Folge. Allein im Vergleich zu 2017 waren es 11,3 Prozent mehr, in den vergangenen zehn Jahren legte die Branche um satte 50 Prozent zu. Das liegt auch daran, dass mittlerweile 34 Prozent der Deutschen am liebsten im eigenen Land Urlaub machen und Deutschland als Tourismusziel das neunte Rekordjahr in Folge feiert.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Der Traum: Ein Nadelwald, schräge Lichtstrahlen fallen auf spielende Kinder, Wasser schimmert durch die Zweige und ein Stand-up-Paddler zieht vorbei. Irgendwo spielt jemand Gitarre.

Die Realität: Die beiden fahren weiter, ohne die Tagesmiete zu bezahlen. Der Werbellinsee und der Berolina-Campingplatz am „Süßen Winkel“ sind nur 15 Minuten entfernt. Dort werden sie etwas freundlicher aufgenommen, bekommen einen betonierten und sehr akkurat mit einer Hecke eingegrenzten Platz am See zugewiesen, aber immerhin: am See. Der Platz besteht zum Großteil aus Dauercampern, die pochen auf das Regelwerk. Abends um Punkt 21.30 Uhr – es ist Juni und noch taghell – kommt eine Frau und sagt: „Mit dem Gitarrespielen müssen Sie jetzt aber aufhören.“

Noch in den neunziger Jahren wurde das Klischee des deutschen Campers entweder mit zwanghafter Dauercamper-Schrebergarten-Mentalität (mit Kunsthecken und Gartenzwergen vor dem Wohnwagen), Armut (wer kein Geld hat, muss im Urlaub campen) oder Sonderlingen, die sich von der Gesellschaft verabschiedet haben, assoziiert. Gerne auch alles zusammen: der Camper, ein verarmter Nazi-Soziopath. Die Missbrauchsfälle vom Dauercampingplatz in Lügde/Nordrhein-Westfalen bestätigten dieses Bild auf tragische Weise. Kein Wunder, dass Campingplätze so oft als Stätte des Verbrechens im „Tatort“ oder „Polizeiruf“ herhalten müssen. Tatsächlich gibt es 260.000 Dauercampingplätze auf deutschen Campingplätzen und damit mehr als alle sogenannten „touristischen Standplätze“ zusammen. Das sind etwa 250.000, verteilt auf rund 3000 Campingplätze, wie das statistische Bundesamt in Deutschland gezählt hat.

Das prägt das Bild, und man muss es im Hinterkopf behalten, wenn man den Imagewandel der touristischen Plätze, der sich in den vergangenen Jahren vollzogen hat, genauer betrachtet: Auf vielen dieser Plätze wurde renoviert, saniert, wurden neue Sanitätshäuser gebaut und Stellplätze umgestaltet. Einige wurden zu Fünf-Sterne- oder Glampingplätzen, weil das glamouröse Campen neue und zahlungskräftige Gäste bringt. Mittlerweile gibt es Glampingplätze mit privatem Badezimmer, Schwimmbädern, Wellnesscenter und hochwertigen Restaurants, wie beispielsweise Camping Hopfensee im Allgäu oder der Ferienpark Havelberge an der Müritzer Seenplatte. Dort muss man auch nicht zwingend im Zelt oder Bus schlafen, sondern kann in designten Bungalows, Mobilheimen, Chalets oder Komfortsafarizelten wohnen. Doch das ganze Sanieren und Herausputzen macht die Natur gleich wieder zum ersten Opfer. Ein naturfernes Chalet mit gesalzenen Preisen? Da kann man sich die Frage stellen, warum man nicht gleich in eine Ferienwohnung geht.

Zum Imagewandel tragen auch die vielen Bücher und Magazine bei, die diesen neuen Stil vorgeben. Die Reihe „Cool Camping“ machte 2008 den Anfang. Mit dem Untertitel „sensationelle Plätze zum Zelten“ wählten die Autoren Campingplätze in Deutschland (zuletzt unter dem Namen „Camping-Glück“ neu aufgelegt) und Europa aus, die eben keine bekiesten Parzellen mit akkurat geschnittenen Hecken boten, sondern verwilderte Seegrundstücke mit nicht viel mehr als einem Steg und einer Holzhütte, aus der die Betreiber Espressi und Roastbeef-Sandwiches verkauften. „Die Nachfahren von Robinson Crusoe, Ernest Shackleton und Bruce Chatwin haben sich ihr Fernweh bewahrt. Und damit ihr feines Gespür für die Magie starker Orte, Traumpfade, für das Abenteuer des einfachen Lebens“, ist im Vorwort der ersten deutschen Ausgabe zu lesen. Und bis heute kommen jeden Monat neue Bücher und Magazine auf den Markt, die sich in ihrer Ästhetik kaum unterscheiden und alle auf das Lebens- und Freiheitsgefühl in der Natur abzielen. Sie heißen „Happy Campers – Glück auf Rädern“, „Yes We Camp“, „Depart. Aufbruch in die Freiheit“, „Drive Your Adventure“, „Camp & Cook“, „Off the Road“, „On the Road“ und „Die Vanlife-Kultur“. Und genauso wie kaum ein Titel ohne Anglizismus auskommt, schafft es kein Klappentext, auf die Wörter Individualität, Freiheit, Lifestyle oder Abenteuer zu verzichten.

Dieser ganze Wandel macht, wer hätte es gedacht, deutsche Campingplätze mittlerweile auch fürs Ausland interessant. 13 Prozent der Gäste kamen 2018 aus den Niederlanden, der Schweiz, Belgien und Skandinavien – laut der BVCD ein „historischer Spitzenwert“.

Der Wunsch wird Wirklichkeit

Der Traum: An einem Steg sitzen junge Menschen, Füße baumeln im Wasser, viele haben ein kaltes Getränk in der Hand, die Sonne wird bald untergehen, der See glitzert, und am Ufer bereiten Kinder am Lagerfeuer ihr Stockbrot vor.

Die Realität: Nach einer Nacht am Werbellinsee fahren die beiden in ihrem blauen Bus weiter in die Uckermark, weil ihnen dort ein Campingplatz mit einer angenehmen Atmosphäre empfohlen wurde. Als sie am Abend ankommen, sitzen an einem Steg junge Menschen, Füße baumeln im Wasser, viele haben ein kaltes Getränk in der Hand, die Sonne wird bald untergehen, der See glitzert, und am Ufer bereiten Kinder am Lagerfeuer ihr Stockbrot vor.

Zum Glück decken sich Wunsch und Wirklichkeit manchmal doch. Man muss nur wissen, wo. So wie sich einige Campingplätze in Glampingplätze verwandelt haben, sind andere zu Naturcampingplätzen geworden. „Naturcamping“ ist eine Tautologie, die offenbar davon ausgeht, dass Camping bislang gar nicht in der Natur stattfand. Beim Naturcampen – nicht zu verwechseln mit Wildcampen, das ist in Deutschland verboten – geht es darum, möglichst unreglementiert und reduziert ein paar Tage in der Natur zu verbringen (diese Freiheit, das darf man nicht vergessen, muss aber gerade an verlängerten Wochenende lange im Voraus reserviert werden). Und zwar wirklich in der Natur. Sie wollen abends am Feuer sitzen und die durch die dunklen Bäume flatternden Fledermäuse beobachten, statt sich in einem sündhaft teuren Wohnmobil zu verkriechen und über Satellitenempfang Rosamunde-Pilcher-Filme zu schauen. Sie wollen im kühlen Morgendunst an einer auf dem Gaskocher aufgebrühten Tasse Kaffee die Hände wärmen und über den noch spiegelglatten See gucken, statt sich in einem weißen Wohnwagen einpferchen zu lassen. Sie wollen die Tage entspannt und mit ein paar wenigen Annehmlichkeiten, wie etwa einer Hängematte und einem guten Buch, verbringen, die Zivilisation ganz bewusst hinter sich lassen, um ihre Vorzüge dann wieder umso mehr genießen zu können. Zu den sogenannten Trekkingcamps, die es im Nationalpark Schwarzwald und in der Pfalz gibt, muss man mit GPS-Hilfe zu Fuß tief in den Wald gehen – und ähnlich wie bei den „Boofen“, den Schlafplätzen unter Felsvorsprüngen in der Sächsischen Schweiz, passt alles, was man für die Nacht braucht, in einen Rucksack.

Aber auch Natur- und Trekkingcamper sind überwiegend zahlungskräftige Kunden, die zwar auf die Natur reduzierte Ferien wollen, aber zugleich einen gewissen Stil und Komfort schätzen, den viele herkömmliche Campingplätze nicht bieten. Das Zelt oder der Campervan sind somit keine günstige Alternativen zu Hotel oder Ferienwohnung, sondern wohlüberlegte Abenteuer fern von alldem.

Bei Stil und Komfort kommt die Vielzahl neuer Outdoor-Produkte ins Spiel, die es in den vergangenen Jahren geschafft haben, nutzvolle Gegenstände mit ästhetischem Anspruch zu versehen und all das, was man angeblich braucht, um seine Natursehnsucht auszuleben, nun für designverwöhnte Städter herstellten. Rucksäcke und Baumzelte, Klappmesser und Kaffeemühle, Miniaturgaskocher und Feuerschalen, Äxte in Designfilztaschen, viel zu schön, um damit Holz zu hacken, und Hängematten mit dem Packmaß einer Grapefruit. Es gibt eine Art Neuauflage des Airstream-Anhängers (Lume-Traveler, kostet zwischen 40.000 und 85.000 Euro), und Campingbusse von Mercedes und Volkswagen verkaufen sich wie nie zuvor, die Auslieferungszahlen des Models „California“ haben sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt (kosten zwischen 50.000 und 100.000 Euro). Ein Bus steht, ob nun nostalgisch oder modern, für die Sehnsüchte eines Büromenschen, der am Wochenende zu einem wilden Abenteurer aufbricht. Hinzu kommt noch ein ganz lebenswirklicher Hintergrund: Weil ein Haus mit Garten in München oder Stuttgart kaum finanzierbar ist, kaufen Familien sich aus dem Frust heraus einen Bus. Oder sie mieten sich bei „Roadsurfer“, „Campanda“, „Paulcamper“ oder einem von vielen weiteren neuen Vermietern einen Bus für ein Wochenende (kostet 200 Euro). Und das Zubehör, das man dafür braucht, gibt es günstig beim Discounter oder bei Decathlon (Tisch, Stühle, Kocher und Lampe kosten zusammen rund 100 Euro).

Die neue Camping-Freiheit hat unseren Nachbarn Frankreich schon vor vielen Jahren erfasst. Huttopia heißt das Unternehmen, das Céline Bossanne 1999 gemeinsam mit ihrem Mann Philippe gegründet hat. Damals kamen die beiden nach einem längeren Aufenthalt in Kanada nach Frankreich zurück und haben die nordamerikanische Outdoor-Liberté zu Hause vermisst. „Die Zeltplätze waren nicht besonders schön, meistens sehr voll mit dicht in Reihen gedrängten Stellplätzen“, sagt Bossanne in einem Interview. Und so erschufen sie kurzerhand das, was sie vermissten: einen Campingplatz mitten in der Natur. Heute betreiben sie 33 Naturcampingplätze und vier Hüttendörfer in ganz Frankreich.

Und in Deutschland? Huttopia sucht hierzulande gerade nach dem ersten Campingplatz, auf dem sie ihr Konzept verwirklichen können. Doch das ist gar nicht so einfach, nicht weil es keine schönen Plätze gäbe, sondern weil alteingesessene Dauercamper sich gegenüber neuen Konzepten verschließen.