Oktoberfest-Camping: Aufstehen, Bier, Frühstücken, Bier, Wiesn


 
 
 

Zimmer sind zum Oktoberfest nur zu horrenden Preisen zu haben. Zehntausende Touristen weichen deshalb auf die Campingplätze aus. Ein Besuch im Bootcamp für Dauerdichte.

Früher Vormittag, sieben Grad Celsius, nur ein Gaskocher spendet ein wenig Wärme in der herbstlichen Kälte. Toby und Louise aus England braten Speck, Rührei und Gemüse – wohlgemerkt nüchtern. Allein das ist schon bemerkenswert. Die meisten anderen Touristen auf dem Campingplatz in Thalkirchen liegen noch in ihren Zelten oder trinken schon wieder Dosenbier, anstatt den Tag mit fester Nahrung zu beginnen. „Of course, it’s fucking cold“, sagt Wade aus Neuseeland und trinkt. Der Mann zittert am ganzen Körper.

Hostels, Hotelzimmer, Airbnb-Wohnungen, alle sind zum Oktoberfest entweder ausgebucht oder nur noch zu horrenden Preisen zu haben. Zehntausende Touristen weichen deshalb auf die Campingplätze in und um München aus: nach Obermenzing, München-Riem oder eben Thalkirchen. Für mindestens zwei Wochen im Jahr verwandelt sich hier der Campingplatz an der Zentralländstraße in eine Art Bootcamp für Dauerdichte. Im Hintergrund rauscht die Isar, Vögel zwitschern. Aber Leute wie Wade bekommen das vermutlich gar nicht mehr mit.

Sie saufen hier im Freien, weil der Campingplatz eine erschwingliche Alternative zu den teuren Schlafmöglichkeiten in der Innenstadt ist. Für eine Übernachtung im Zelt zahlen sie aber immer noch zwischen 40 und 60 Euro pro Nacht.

Bereits beim Blick durch den Zaun fällt auf, dass das Bootcamp eigentlich aus vielen kleinen Teilbereichen besteht, die sich farblich unterscheiden. Eine Handvoll internationaler Unternehmen hat sich hier auf dem Campingplatz eigene Areale gesichert. Weiß etwa sind die Zelte des „Hangover Hospitals“. „Am kommenden Wochenende sind wir schon komplett ausgebucht“ sagt Chef Guiliano Giacovazzi. Er kommt aus Südafrika und wirkt von der Camp-Party am Vorabend noch etwas mitgenommen.

Das Geschäftsmodell funktioniert immer nach demselben Muster: Die Unternehmen stellen Zelte auf, die sie wiederum an die partywütigen Gäste aus aller Welt vermieten. Sie machen das in Pamplona genauso wie auf dem Karneval in Rio, dem Tomorrowland-Festival in Belgien oder eben dem Oktoberfest. Allein das „Hangover Hospital“ bietet in Thalkrichen mehr als 60 Schlafplätze in 14 Dorms an, inklusive Trinkspiele am Abend.

Der vergleichsweise niedrige Preis ist aber nicht der einzige Grund, weshalb so viele Menschen hierher kommen. „Es ist ein großes Wiedersehen jedes Jahr“, sagt Wade aus Neuseeland. „Am Ende der Festivalsaison in Europa treffen sich hier viele wieder.“ Wade, 27 Jahre, mit Wikingerbart und im Trikot der All Blacks, der legendären Rugby-Mannschaft seines Landes, will drei Wochen im Zelt leben, um zu trinken. Das Zittern an Tag fünf nimmt er dafür gerne in Kauf.

Gegen den Kater trinkt Lars aus Dänemark Magenbitter und Kräuterlikör. Mit seinen fünf Freunden aus Jütland kommt er gerade vom Frühschoppen. Aufstehen, Bier, Frühstücken, Bier, Wiesn. Sie zwängen sich in blau karierte Hemden und Lederhosen, gekauft bei einem Discounter in Dänemark. Seit mehr als 20 Jahren fahren sie zum Oktoberfest nach München, erzählt Lars, der 54-jährige Anführer der Truppe. Und immer geht es zur selben Bedienung ins Hofbräuzelt.

„Es fühlt sich an wie Disneyland für Erwachsene“

Viele ihrer Nachbarn auf dem Campingplatz treffen die Dänen dort angeblich wieder. „Wir alle lieben Party und Bier. Wir bleiben jeden Abend, bis wir nicht mehr können“, sagt Lars. Er holt eine rote Klobrille hervor. Sein Kumpel hat die extra aus der Heimat mitgebracht – aus Ekel vor den öffentlichen Toiletten. Von den wenigen Deutschen auf dem Campingplatz hört man allerdings, dass das gar nicht nötig gewesen wäre. „Auf den Toiletten merkt man vom Oktoberfest nichts“, sagt eine Camperin aus Siegen.

Drei Frauen aus Australien, eben 18 Jahre alt geworden, sitzen völlig verkatert auf einer Bank. „We love it. The party is just insane“, sagt eine, noch heiser vom Vorabend. Die drei wollen anonym bleiben – ihre Eltern denken, dass sie brav durch Europa reisen. In Wahrheit aber steigen sie gleich in den nächsten Shuttle-Bus in Richtung Wiesn. „Es fühlt sich an wie Disneyland für Erwachsene“, sagt eine der Frauen noch. „Wir kommen hundertprozentig wieder.“

Toby und Louise, die vermutlich einzig Nüchternen auf dem Zeltplatz, frühstücken inzwischen. Toby ist 23 und seit mehr als vier Monaten mit seinem Motorrad in Europa unterwegs. Er war im Süden, in Skandinavien, Russland und der Ukraine, reiste nach Osten bis nach Kasachstan. Insgesamt 15 000 Kilometer ist er gefahren. Ohne Louise. Hier auf dem Campingplatz in Thalkirchen sieht er sie endlich wieder. Eine Nacht gemeinsam im Zelt, dann gehen sie zusammen das erste Mal auf die Wiesn. Irgendwie auch romantisch.