Frauen-Power am Kilimandscharo lässt Männer-Domäne wackeln

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kilimanjaro-1025146_960_720An der Spitze wird die Luft schnell dünn. Was in den Chefetagen vieler Unternehmen gilt, gilt auch an den Flanken von Afrikas höchstem Berg. In der traditionellen Männerdomäne der Lastenträger für Bergsteiger aus aller Welt fordern nun auch Frauen ihren Platz.

Die Helden von Afrikas höchstem Berg nennen sich gerne «Wagumu» – Soldaten, auf Suaheli. Am Kilimandscharo sind sie das, was die Sherpas im Himalaja sind: unermüdliche Lastenträger, die Gepäck und Ausrüstung der Bergsteiger aus aller Welt sicher durch Regenwald, Geröll- und Eisfelder in die Basislager bringen. Jahrzehntelang war es eine von Männern dominierte Welt – aber nun drängen Frauen wie Veronica Fabiani Temu in die Männerbastion. «Ich stand nach der Geburt meiner Zwillinge allein da und brauchte dringend Geld», sagt die 34-Jährige aus Arusha. Vor fünf Jahren war sie noch eine Art Trendsetter. «Viele waren sehr verwundert über meinen Beruf, auch meine Familie», erinnert sie sich und meint: «Ich war ein Exot.»

Inzwischen wird die Zahl der weiblichen Träger in der Tourismusindustrie am Kilimandscharo auf mehrere Dutzend geschätzt. «Die meisten sind auf der Marangu-Route zu finden, die ist nicht ganz so schwierig», sagt Peter Jackson. Der Bergführer aus der Stadt Moshi kennt einige von ihnen. «Sie wurden anfangs noch ein wenig belächelt, haben sich dann aber schnell durch ihre Leistungen Respekt verschafft», erklärt sein Kollege Joshua Mwakalinga.

Der 59-Jährige hat noch die Tage erlebt, als zur Jahrtausendwende die ersten Frauen als Trägerinnen am Berg auftauchten – oft aus existenzieller Not heraus. Denn Jobs sind in der landschaftlich schönen, aber arg strukturschwachen Gegend dünn gesät. Die Industrie rund um Safari- und Bergtouristen vor Ort ist die einzige, die in nennenswerter Zahl Arbeitsplätze schafft. Die Trägerinnen stießen bei ihren männlichen Kollegen aber auf Skepsis.

«Die wurden von den männlichen Trägern geradezu verachtet. Sie standen in der Hierarchie an letzter Stelle, galten als leichte Mädchen und gescheiterte Frauen – weil sie keinen Mann haben, der sie versorgt», erinnert sich die Unternehmerin Tina Voß aus Hannover, die sich 2010 ihren Traum einer Kilimandscharo-Besteigung erfüllte.

Probleme bereitete den Trägerinnen anfangs auch die räumliche Enge in den Zelten der Camps. Das Problem ist mittlerweile gelöst: Heute sind viele der Trägerinnen in Zweier-Gruppen unterwegs und teilen sich ein Zelt. Veronica Temu hat diesmal die 24-jährige Yohana Tumaini an ihrer Seite. Es ist deren fünfter Aufstieg, seit sie das Gymnasium in Arusha beendet hat. «Mein Bruder ist Bergführer, da lag der Schritt nahe», sagt sie. Sie würde gerne studieren, doch dafür reicht das Geld noch nicht. Zumal es für den harten Knochen-Job am Berg nur einen miserablen Lohn gibt.

«Kleinere Firmen zahlen fünf bis sieben Dollar pro Tag, größere etwa 12 bis 15», sagt die 24-Jährige Tansanierin. Dafür balanciert sie wie ihre männlichen Kollegen leichten Schrittes Zelte, Gaskocher, Rucksäcke, Klappstühle oder komplette Camping-Toiletten den Berg rauf und wieder runter. Die beiden Frauen gehören zur Vorhut, müssen schnell und ausdauernd sein. Denn wenn die Touristen im Lager ankommen, muss bereits alles aufgebaut sein. Einen Blick für die Schönheit des Berges haben die Träger dabei längst nicht mehr – viele von ihnen haben den Berg eh schon mehrere hundert Mal bestiegen.

Auf der Route zum höchsten Punkt, dem Uhuru Peak, ist in der Hochsaison ein riesiger Tross von Hunderten Wanderern, Führern und Trägern über einem Meer aus Wolken unterwegs. Je höher es geht, umso dünner die Luft – an der Spitze wird die Kälte fast unerträglich.

20 Kilo Gepäck sind den Trägern offiziell erlaubt – oft jedoch ist es schwerer. Den Bergsteigern bereiten sie beim Aufstieg regelrechte Komplexe, wenn sie mit graziler Eleganz überholen. Schnell und sicher tänzeln sie von Stein zu Stein durch die diversen Klimazonen immer weiter nach oben. Viele von ihnen tragen Outdoor-Kleidung, die ihnen frühere Kunden nach der Tour überließen. Vor Felsüberhängen gibt es oft Staus – die schwer bepackten Träger balancieren ihr Gepäck aber auch bei Kletterpartien mit sicherer Eleganz nach oben.

Es sind jährlich Zehntausende Touristen, die es bei einem kräftezehrenden, mehrtägigen Kampf gegen Hitze, Regen, Eis und Kälte durch die Mondlandschaften des Kilimandscharos aufs «Dach Afrikas» zieht. Zwar gehört er mit 5895 Metern über dem Meeresspiegel nicht zu den höchsten Bergen. Aber der Vulkan ist der größte freistehende Berg der Welt – und für Bergsteiger ohne alpine Erfahrung zu besteigen.

Allerdings geht ohne die tatkräftige Hilfe von Trägern kaum was. Während für die Touristen mit Blick auf die Akklimatisierung das Motto «Pole, Pole» lautet – der Suaheli-Begriff für «langsam» – gilt für die Träger das Gegenteil. Aber auch ihnen fällt das Atmen immer schwerer, je höher sie kommen. Immer wieder sitzen einige von ihnen erschöpft auf Felsbrocken, um trotz eiskaltem Wind zu verschnaufen. «Sie sind die wahren Helden des Berges», sagt Bergführer Mwakalinga.